Der Tintenfischpilz: Ein eigenartiger Einwanderer aus Tasmanien

Ist das leuchtend rote, sternförmige Etwas mitten im Farn der Australienausstellung wirklich das, wonach es aussieht – ein toter Tintenfisch? Oder doch eher radioaktives Gemüse aus dem Weltall? Die Antwort lautet: weder noch. Es ist ein Tintenfischpilz – und damit wie alle Pilze weder Pflanze noch Tier, sondern Mitglied eines eigenständigen Reichs. Das Besondere neben seinem bizarren Aussehen: Er ist keine heimische Art, sondern wanderte als Siedler aus Tasmanien und Südaustralien vor etwa 70 Jahren eher heimlich nach Deutschland ein.

Dass der Tintenfischpilz als waschechter Eingeborner Tasmaniens einmal die Australienausstellung der Wilhelma bereichern würde, war weder geplant noch vorhersehbar – wenngleich er hier aufgrund seiner Herkunft bestens in die Farnlandschaft passt. Vielmehr wurde er wohl eher zufällig in den Wilhelma-Park „eingeschleppt“, wo ihn Mitarbeiter vor einer Woche entdeckten. Bis sie hier ankam, hat die exotische Pilzart, die wie ein Tintenfisch aussieht und nach totem Tier riecht, allerdings eine lange, weite Reise hinter sich. Sie begann im ersten Weltkrieg, als australische Einheiten im Auftrag der Amerikaner in den Schützengräben der Vogesen landeten. Dort tauchte der merkwürdige Pilz 1913 zum ersten Mal auf. In Deutschland wurde er 1934 erstmals in Karlsruhe gesichtet, und in den Wäldern rund um Stuttgart dürfte er ebenfalls schon geraume Zeit hausen. Und nun gelangte er auch in die Wilhelma, wo er als Ehrengast sogleich einen Stammplatz in der Australienausstellung erhielt. Um den Tintenfischpilz dort zeigen zu können, haben die Gärtner von ihm „Hexeneier“ gesammelt – so nennt man die eiförmigen Entwicklungsstadien, in denen der Fruchtkörper des Pilzes heranwächst. Wenn dieser sich schließlich aus dem Ei herauswindet, meint man fast, die Geburt eines „Aliens“, eines fremden Wesens aus dem Weltall, mitzuerleben. Die schwarzen Punkte auf den „Tentakeln“ des Pilzes sind zudem die Sporen, die in der Natur über Aasfliegen verbreitet werden: Um sie zu ködern, müffelt der Tintenfischpilz, ähnlich wie die berühmte Titanenwurz, nach moderndem Tierkadaver – was ihn als Speisepilz für Menschen völlig unattraktiv macht, obwohl er nicht giftig ist.

Bis zu 20 Zentimeter Durchmesser, also etwa Handtellergröße, erreicht ein Tintenfischpilz, bevor er nach wenigen Tagen abstirbt. In der Australienausstellung sind Exemplare des kurzlebigen Gesellen daher eventuell nur „sporadisch“ zu sehen, auch wenn die Gärtner fleißig für Nachschub an Pilzkulturen und Hexeneiern sorgen. Aber die Chancen stehen zumindest für die Dauer der Ausstellung, also bis Mitte September, nicht schlecht. Ob und wo der Pilz danach ein Plätzchen in der Wilhelma erhält, ist noch ungewiss. Verdient hätte er es: Schlägt er als mykologisches Wesen doch quasi die Brücke zwischen Tier- und Pflanzenwelt und ist somit geradezu das ideale „Symbol“ für den einzigen Zoologisch-Botanischen Garten Deutschlands, selbst wenn er von „Down under“ stammt …

Apropos Australien: Beim diesjährigen Sommerferienprogramm der Wilhelmaschule gibt es eine Veranstaltung, die Kinder ab acht Jahren in das einzigartige Tier- und Pflanzenreich „Down under“ entführt – die Suche nach dem Tintenfischpilz inklusive. Wer also noch nichts vorhat: Bei diesem und ein paar weiteren Programmen sind noch Plätze frei. Mehr unter www.wilhelma.de!

(Zoologisch-Botanischer-Garten Stuttgart, Foto: Mit nach oben gereckten oder ausgebreiteten „Tentakeln“ sieht der rote Tintenfischpilz genauso
aus, wie er heißt: wie ein Krake (c) Wilhelma)

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